Erich Sixt im Interview mit dem Standard:

Standard: Haben Sie schon jemals ein Auto zu Schrott gefahren?

Sixt: Schon mehrere. Einmal führte das zu einem Brief an einen deutschen Autobauer. Sie können sich ja vorstellen, dass ich eher schnell unterwegs bin. Einer hat die Vorfahrt missachtet, ich flog von einer auf die andere Straßenseite, vom Auto war nichts mehr übrig, und der Airbag ging nicht auf. Das führte zu einer gewaltigen Aufregung beim Hersteller, ich zählte ja zu den größten Abnehmern. Er hat dann seine Airbags überprüft, ab wann sie aufgehen müssen.

Standard: Ich vermute, es war nicht Ihr eigenes Auto?

Sixt: Natürlich nicht. Ich vermiete Autos und miete auch selbst.

Standard: Sie haben in Ihrem Leben nur ein Einziges gekauft, in den 1970-er Jahren…

Sixt: Einen Mercedes 300 SL, Flügeltüre, ein wunderschönes Auto. Ich bewundere seine Ingenieure. Am Reißbrett entworfen, wurde es in nur wenigen Monaten gebaut. Ohne Computer. Aus dem Bauch heraus.

Standard: Eigentlich sagt man Ihnen ein leidenschaftsloses Verhältnis zu Autos nach – während diese vielen Deutschen wichtiger sind als ihre Ehefrau, besagen Umfragen.

Sixt: Wir kaufen jedes Jahr Autos im Wert von drei Milliarden Euro, mehr als 150.000 Fahrzeuge. Bei solchen Mengen denkt das Gehirn an Rabatte, Restwerte und Abschreibungen. Wenn sich Autos in Zahlenkolonnen verwandeln, bekommt man zu ihnen eine gestörte Beziehung.

Standard: Welche Marken mieten Kunden am liebsten?

Sixt: An erster Stelle BMW, dann Mercedes und Audi. Wir sind der weltweit größte Premiumvermieter.

Standard: Sie vermieten gut zur Hälfte an Geschäftskunden. Firmen sparen, für ihre Manager sollten es somit eigentlich billige Modelle tun?

Sixt: Geschäftskunden sparen, das ist richtig. Interessant ist, dass in ganz Europa die Privatnachfrage steigt. Vor allem der Deutsche liebt ja sein Auto sehr und will es besitzen. Doch auch das ändert sich, und das hilft uns.

Standard: Hat das Auto als Statussymbol bald ausgedient?

Sixt: Es ist beeindruckend: Wir werden zum Homo Oeconomicus. Wir lösen uns vom urmenschlichen, aber irrationalen Gefühl des Besitzens. Rational ist es, die Zeit zu bezahlen, die ich wirklich nutze. Das führt zu revolutionären Entwicklungen.

Standard: Bis wann erübrigt sich auch das selbstständige Lenken?

Sixt: In zehn Jahren mit Sicherheit, gegebenfalls früher. Alle Hersteller arbeiten an automatisch gesteuerten Autos. Technisch ließe sich das schon heute umsetzen. Es braucht aber gewaltige Testphasen. Autos werden sich dann gegenseitig überwachen und Unfälle aufs Minimalste reduziert.

Standard: Wie haben es die Österreicher mit dem Teilen? In Deutschland ist Sixt der drittgrößte Anbieter Car-Sharing-Anbieter.

Sixt: Wien ist dafür wunderbar geeignet und weit oben auf der Prioritätenliste. Wir verhandeln gerade mit der Stadt um günstige Parkplätze. Ein Start ist 2014 denkbar.

Standard: Sie bezeichnen Ihre Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen als desaströs. Kommt man als Vermieter wirklich darum herum?

Sixt: Wir vermieten Autos, die der Kunde will. Im Moment will er keine Elektroautos. Wir hatten ja schon einen umgebauten Fiat in der Flotte. Das war der Horror. Die Leute blieben auf der Straße hängen und riefen uns an. Das Problem der Reichweite ist immer noch nicht gelöst. BMW steigt jetzt groß ein, das könnte eine Trendwende bringen. Ich bin kein Ideologe und lasse mich sofort umstimmen, wenn Kunden es annehmen und genug Zapfsäulen vorhanden sind.

Standard: Wo liegt die Schmerzgrenze beim Spritpreis, ab der die Autofahrer aussteigen?

Sixt: Die haben wir schon lange überschritten. Aber man wird bereit sein, noch mehr zu bezahlen. Denn der Verbrauch wird sparsamer. Dass die Preise weiter steigen, dafür wird der Staat sorgen. Seine Gier nach Geld ist unersättlich. Nehmen Sie die Vignette: Das ist wie Raubrittertum im Mittelalter. Wir wollen das vereinte Europa und fangen mit spießigen Aufklebern an.

Standard: Weil Sie Europa ansprechen: Warum geben Sie dem Euro keine Zukunft?

Sixt: Wir können Gesetze der Schwerkraft nicht ändern: Wirtschaftliche Unterschiede im Euroraum sind dramatisch. Alle südlichen Länder haben immer durch Abwertungen der Währung überlebt und blieben damit wettbewerbsfähig. Dieser Rettungsweg ist jetzt versperrt.

Standard: Sixt müsste von einer einheitlichen Währung ja profitieren?

Sixt: Vorsicht: Man wird als Euro-Gegner reflexartig in die anti-europäische Ecke gestellt. Wir plädieren leidenschaftlich für offene Grenzen. Ich bin für Europa. Aber es  ist weit von einer politische Union entfernt.

Standard: Sie gelten als angriffig, scheuen keine Konflikte. Wie viele Unterlassungserklärungen haben Sie schon unterschrieben?

Sixt: Ich schätze an die 800.

Standard: Ist das nicht teuer?

Sixt: Nein, das ist relativ günstig. Ich zahle Anwaltsgebühren des Gegners und sage, es nie wieder zu machen. Sixt hat in Deutschland 90 Prozent Bekanntheitsgrad. Auch 60 Prozent aller Franzosen kennen uns. Wir werben auch dort provokant, zum Beispiel mit Nicolas Sarkozy (Anm.: Ex-Staatspräsident). Dieser kam dann im Flugzeug neben einem Peugeot-Manager zu sitzen und hat ihm gesagt: „Liefern Sie dem Sixt kein Auto mehr.“ Sarkozy ist nicht mehr im Amt, und wir arbeiten gut mit Peugeot zusammen.

Standard: Auf einem Ihrer Werbeplakate stand: „Wir vermieten auch an Frauen.“ Fanden die das lustig?

Sixt: Uh, das war übel und nicht sehr klug. Ich habe fast 1000 Briefe von wutentbrannten Frauen bekommen, die mich als übelsten Macho beschimpften. Ich habe mich entschuldigt und jeden Brief einzeln unterschrieben. Ich wurde dann von vielen Frauenvereinigungen zu Vorträgen eingeladen – als bekehrter Macho.

Standard: Stimmt es wirklich, dass Frauen im Schnitt weniger Unfälle bauen?

Sixt: Ja, das schrieben wir auch unter die Anzeige. Aber das hatten alle überlesen. Frauen parken auch nicht schlechter ein.

Standard: Sie haben mit Sixt sieben Krisen gemeistert. Gibt es noch etwas, das Sie das Fürchten lehrt?

Sixt: Würde ich mich fürchten, wäre ich vielleicht schon tot. Außerdem: Geld verdienen ist nicht alles im Leben. Es geht um Freundschaft, Zufriedenheit – alles andere ist Sport, wo man ausloten will, wie weit man kommt. Sixt hat nie Geld verloren, selbst in schlimmsten Krisen nicht. 2009 war das härteste Jahr meiner Karriere, aber da wurde es dann erst richtig interessant.

Standard: Geht es heuer bergab?

Sixt: Wir haben uns auf Rückgänge eingestellt. Aber ab Juli stieg die Nachfrage, und die Autos wurden knapp. Wir werden mehr Umsatz und Gewinn als 2012 erzielen. Das zeigt, wie unberechenbar Wirtschaft ist.

Standard: Wann lassen Sie Ihre beiden Söhne ans Steuer?

Sixt: Sie sind ja schon ganz schön am Steuer. Alexander verantwortet den Einkauf und die Prozesse.  Konstantin den E-Commerce, er ist zudem Verkaufschef für Deutschland. Wie es weitergeht, wird sich zeigen. Wir sind ja kein klassischer Familienbetrieb, sondern börsennotiert. Da kann man nicht sagen, man holt seine Söhne in den Vorstand. Das muss sich entwickeln.

Standard: Irgendwann vom Beifahrersitz aus zusehen wie andere Ihr Lebenswerk lenken – könnten Sie das überhaupt?

Sixt: Ich habe in Paris allein begonnen, habe 70, 80 Autos vermietet, eigenhändig gewaschen und übergeben. Dann wuchs die Firma, ich musste immer mehr abgeben. Inzwischen wäre Sixt ohne Delegieren längst nicht mehr überlebensfähig. Ich bin kein Patriarch, sondern ein leidenschaftlicher Anhänger von Freiheit. Ich müsste mich selbst abschaffen, das wär dann der größte Erfolg.

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